Digitale Arbeit gut gestalten


Die Digitalisierung ist der Megatrend unserer Zeit. Sie verändert alles – die Art, wie wir wirtschaften, wie wir arbeiten und wie wir unsere Demokratie gestalten. Sie verändert Geschäftsmodelle, Entwicklungsverfahren, Wertschöpfungsketten, Hierarchiestrukturen und Qualifikationsprofile. Vor allem verändert sie aber auch Markt- und Machtstrukturen.


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Besonders deutlich wird dies, wenn man sich ansieht, wohin derzeit Investitionen fließen. So erreichte zum Beispiel Facebook im November 2016 eine Marktkapitalisierung von mehr als 260 Milliarden Euro; Daimler war an der Börse rund 66 Milliarden Euro wert. Facebook erzielte im Jahr 2015 rund 5,3 Milliarden Euro Umsatz, Daimler dagegen fast 150 Milliarden Euro. Die großen vier Plattformen Google (Alphabet), Apple, Facebook und Amazon haben zusammengenommen eine Marktkapitalisierung von annähernd 1,6 Billionen Euro, das entspricht fast der Hälfte des deutschen Bruttoinlandsprodukts.

An den Börsen sind mit der Digitalisierung also riesige Hoffnungen verbunden. Die Auswirkungen sind aber auch in den klassischen Industriesektoren bereits heute spürbar. Zum einen ändern sich die Geschäftsmodelle der Unternehmen. In der Automobilindustrie spielen zum Beispiel die Themen „autonomes Fahren“ und das Verkaufen von Mobilität als Dienstleistung ergänzend zur Produktion von Fahrzeugen eine zunehmend wichtigere Rolle. Zum anderen werden plattform-basierte Modelle in der Wertschöpfung der Unternehmen immer wichtiger. In allen Stufen der Wertschöpfung sind inzwischen plattform-basierte Modelle zu finden. Das beginnt bei Forschung und Entwicklung, es geht weiter über das Entwickeln und Testen von Software, es gibt Ideenwettbewerbe zum Produktdesign und Marketing und es endet bei Vertriebs- und After-Sales-Aktivitäten.

Crowdsourcing – also das Outsourcing von Unternehmensaufgaben an eine große unbekannte Menge von Menschen (die„ Crowd“) – wird immer wichtiger. Das wirtschaftliche Potenzial, das in Crowdsourcing steckt, ist noch lange nicht ausgeschöpft. Durch eine weltweit immer bessere IT-Infrastruktur, besseren Zugang zum Internet und durch die technische Weiterentwicklung von digitalen Plattformen wird der Zugang zu digitaler Arbeit global für noch mehr Menschen möglich. Die fortschreitende Suche nachtechnischen Lösungen, wie global und unabhängig von Raum und Zeit möglichst optimiert Wissen zusammengetragen werden kann, wird weitergehen.

Für die IG Metall geht es deshalb darum, die Chancen und Risiken dieser Entwicklung zu erkennen. Zu den Chancen gehört, dass Menschen Einkommen erzielen können, die bislang gar keinen oder nur unzureichenden Zugang zum Arbeitsmarkt hatten. Zu den Risiken gehört, dass Unternehmen teilweise die Strategie verfolgen, Kosten und Risiken zu externalisieren. Bereits beim Einsatz von Leiharbeit und Werkverträgen durch die Unternehmen haben wir gesehen: Es gibt durchaus positive Ansätze, um zum Beispiel Auftragsspitzen in den Unternehmen abzufangen oder um Dienstleistungen einzukaufen, für die in den Unternehmen kein Personal vorgehalten werden kann, weil diese Dienstleistungen nur unregelmäßig anfallen. Es gibt aber auch Versuche, diese Instrumente zu missbrauchen, indem prekäre Arbeit dauerhaft an die Stelle tariflich geregelter und sozial abgesicherter Beschäftigungsverhältnisse tritt. Die IG Metall will die Chancen des Crowdworking ergreifen und die Risiken minimieren. Der Gebrauch von Crowdworking kann für alle Beteiligten sinnvoll sein, der Missbrauch muss allerdings bekämpft werden.

Deshalb brauchen wir eine gesellschaftliche Diskussion über folgende Fragen: Was ist gute Arbeit? Wie wollen wir leben und arbeiten? Wie stellen wir sicher, dass Arbeit so vergütet wird, dass Menschen von ihrer Arbeit würdig leben können? Wie kann eine gewerkschaftliche Perspektive in einer Arbeitswelt aussehen, die vermehrt aus virtualisierten, digitalisierten Wertschöpfungssystemen besteht? Wie kann digitale Arbeit nachhaltig und ethisch gestaltet werden?

Die IG Metall stellt sich diesen Herausforderungen. Wir schauen nicht passiv dabei zu, wie die Zukunft der Arbeit auf uns zukommt, sondern gestalten sie – frühzeitig und aktiv. Seit Anfang dieses Jahres können Solo-Selbstständige Mitglied der IG Metall werden. Über unsere Internetseite www.faircrowdwork.org können sich Crowdworker über die rechtlichen Rahmenbedingungen von Crowdwork informieren und Plattformen bewerten. Wir arbeiten zusammen mit Crowdworkern daran, gute Arbeit auf den Plattformenzu etablieren, wir suchen den Kontakt zu internationalen Akteuren und wir sind im Gespräch mit den Plattformen.

Es gibt bereits erste gute Ansätze bei den Plattformen. Einige von ihnen haben freiwillige Verhaltensmaßregeln– einen „Code of Conduct“ – vereinbart. Dort sind als Ziele unter anderem eine faire Bezahlung, klare Aufgabendefinition und angemessene Zeitplanung, Unterstützung und Feedback sowie offene transparente Kommunikation definiert. Aus der Sicht der IG Metall ist es nötig, diesen „Code of Conduct“ weiterzuentwickeln und mehr Plattformen dafür zu gewinnen, diese Verhaltensmaßregeln anzuwenden.

Aber auch die Politik ist gefordert. Es muss möglich sein, dass Crowdworker durch ihre Arbeit auf der Plattform ein Einkommen erzielen, das mindestens dem gesetzlichen Mindestlohn entspricht, der für abhängig beschäftigte Arbeitnehmer/innen gilt. Auch der rechtliche Status der Crowdworker muss geklärt werden. In der Regelarbeiten sie als Solo-Selbstständige, für die das Vertrags- und nicht das Arbeitsrecht gilt. Es gelten also für sie unter anderem keine Tarifverträge, keine Mindestlöhne und kein Kündigungsschutz. Sie haben weder Urlaubsansprüche, noch erhalten sie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und müssen sich gegen soziale Risiken selber absichern.


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AutorIn / Quelle
Christiane Benner
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Stand
14.12.2016


Kommentare


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KK

Die Crowdworker müssen sich vernetzen und an die Öffentlichkeit gehen. Da ist von Seiten der IGM schon einiges passiert aber von den Crowdworkern selbst ist noch nicht viel gekommen. Es müssen sich mehr Crowdworker persönlich kennenlernen. Ohne dies entsteht keine Zusammengehörigkeit und keine Solidarität. Die Veranstaltungen, die ich bisher kennengelernt habe, fanden quasi hinter verschlossenen Türen und in einem kleinen Kreis statt. Auch bei der AK Wien konnte man nur mit Anmeldung teilnehmen. Unter den Zuschauern war nicht ein einziger Crowdworker. Und gerade für diese wären die guten und sehr informativen Vorträge sehr wichtig gewesen. Ich habe da mal so eine Idee :) wie wäre es, wenn die IGM vor Ort in den Geschäftsstellen Infomaterial ausliegen hat. Oder bei Veranstaltungen, Kampagnen, Haus der offenen Tür usw. die Crowdworker mit einbezieht? Dies könnte auch in den Medien publiziert werden. Da die Crowdworker nicht auf dem Mond leben, sondern mitten unter uns, wird sich dies rumsprechen und hoffentlich dazu führen, die Crowdworker sichtbar zu machen.