Schlechte Arbeitsbedingungen sind keine Privatsache


Die Anzahl der Crowdworker steigt stetig. Meist sind die Netzarbeiter gegenüber ihren Auftraggebern in einer rechtlich schwachen Position und werden dazu noch schlecht bezahlt. Das übt auch Druck auf reguläre Beschäftigungsverhältnisse aus. Lässt sich an der Situation gemeinsam etwas verbessern? Ein Interview mit Arbeitsrechtler Thomas Klebe.


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Stimmt es, dass das Arbeitsrecht für Crowdworker nicht gilt?

Das kommt darauf an. Das sogenannte interne Crowdsourcing läuft über firmeneigene Plattformen. Die Crowdworker sind und bleiben in diesem Fall normale Beschäftigte mit allen Arbeitnehmerrechten. Bei externem Crowdsourcing ist das anders. Dabei werden die Crowdworker bisher als Selbstständige, als Unternehmer, behandelt und fallen nicht einmal unter den Schutz des Heimarbeitsgesetzes.

Wie bekommen das die externen Crowdworker zu spüren?

Beispielsweise haben sie keinen Kündigungsschutz, erhalten im Krankheitsfall keine Entgeltfortzahlung und haben keinen Schutz durch Betriebsräte. Für freiberuflich arbeitende Spezialisten mit hohem Einkommen ist das vielleicht kein Problem. Aber für die große Mehrheit der Crowdworker eben schon. Außerdem sind sie häufig nicht sozialversichert.

Worauf können sich Crowdworker im Streitfall berufen?

Rechtliche Grundlage sind die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der jeweiligen Plattform. Allerdings sind die AGBs mancher Plattformen mit Blick auf die Arbeitnehmerrechte extrem unfair formuliert. Sollte das der Fall sein, und der Betreiber der Plattform hat seinen Geschäftssitz in Deutschland, dann greift das BGB (Anmerk. Red.: Bürgerliches Gesetzbuch) und nach dem sind solche Klauseln rechtswidrig. Bei ausländischen Plattformen müssen schon gravierende Eingriffe in das Persönlichkeitsrecht oder gröbste Benachteiligungen vorliegen, um etwas in der Hand zu haben.

Was müssen Beschäftigte beachten, wenn sie als Crowdworker arbeiten möchten?

Zuerst einmal sollten sie sich die AGBs genau durchlesen. Wenn sie nebenberuflich als Crowdworker arbeiten, müssen sie zudem aufpassen, dass sie keine Betriebsgeheimnisse ihres Hauptarbeitgebers preisgeben. Und sie müssen die Nebentätigkeit ihrem Hauptarbeitgeber mitteilen, wenn ihr Arbeitsvertrag das vorsieht. Hauptberufliche Crowdworker ohne festen Arbeitgeber sollten sich zum Beispiel auch Gedanken machen, ob sie ausreichend versichert sind.

Bei manchen Ausschreibungen wird nur der "Gewinner" bezahlt. Der, der nach Ansicht des Auftraggebers die beste Arbeit abgeliefert hat, die anderen gehen leer aus. Ist das rechtens?

Meiner Meinung nach ist das nach deutschem Recht unwirksam. Das ist ja nicht wie bei anderen Ausschreibungen, bei denen Selbstständige Angebote einreichen und der Auftraggeber sucht sich dann das seiner Meinung nach beste raus. Die Crowdworker verrichten in diesen Fällen die komplette Arbeit, bekommen dann aber nichts dafür. Betroffene können prüfen lassen, ob sie eine Vergütung einklagen. Es gibt hierzu allerdings noch keine Gerichtsentscheidungen.

Wie ließe sich die Lage der Crowdworker verbessern?

Kurzfristig könnten die Gerichte eingreifen, in dem sie die Plattform-Betreiber zu faireren AGBs verpflichten. Langfristig wäre das aber in keiner Weise ausreichend. Auch wenn der Arbeitsort zuhause ist, und nicht in einem Betrieb, haben die Crowdworker ein Schutzbedürfnis wie alle Arbeitnehmer. Das bedeutet, dass sich die Sozialversicherungen den Crowdworkern wenigstens in Teilen öffnen sollten. Ein Mindestlohn müsste her und für die Crowdworker das Heimarbeitsgesetz gelten. Wenn sie hauptsächlich für einen Arbeitgeber arbeiten, dann muss für sie auch das Betriebsverfassungsgesetz gelten. Das wären zukunftsweisende Verbesserungen.

Greift der gesetzliche Mindestlohn bei ihnen denn nicht?

Nach momentanem Stand nicht, da der Mindestlohn nur für Arbeitnehmer gilt, nicht aber für Selbstständige und Crowdworker, die zur Zeit noch überwiegend als Selbstständige eingeordnet werden. Aber da ist noch nichts in Stein gemeißelt. In den USA versuchen Crowdworker gerade, den Mindestlohn einzuklagen. Wenn die Gerichte zu ihren Gunsten entscheiden, wird das sicherlich entsprechenden Initiativen hierzulande Rückenwind geben. Man muss sich mal bewusst machen: Auf Amazons Crowdworking-Plattform Mechanical Turk liegt der Stundenlohn im Durchschnitt bei 1,25 Dollar. Und 60 Prozent der Crowdworker dort geben an, dass diese Arbeit ihre Haupteinnahmequelle sei. Das ist einerseits unzumutbar für die jeweiligen Crowdworker. Andererseits sind solch schlechte Arbeitsbedingungen keine Privatsache. Denn dadurch geraten andere Crowdworker und auch die in einem Arbeitsverhältnis Beschäftigten stark unter Druck.

Können die Crowdworker selbst etwas tun, um ihre Situation zu verbessern?

Wichtig ist, dass sie Marktmacht entwickeln. Und dass sie eigene Reputationssysteme wie Turk Opticon etablieren, mit denen sie sich untereinander vor unfairen Auftraggebern warnen können. Außerdem empfehle ich ihnen, mit Gewerkschaften zusammenzuarbeiten und sich von ihnen rechtlich beraten zu lassen.

Was können Gewerkschaften und Betriebsräte darüber hinaus tun?

Gewerkschaften können Druck auf die Politik ausüben, damit diese Verbesserungen auf den Weg bringt. Betriebsräte sollten ihre Informations- und Beratungsrechte intensiv wahrnehmen. Nur so erfahren sie, was in ihrem Unternehmen alles passiert. Es ist nämlich nicht immer leicht ersichtlich, welche Arbeiten wie rausgegeben werden. Außerdem können sie und ihre Gewerkschaft wie bei Leiharbeit und Werkverträgen versuchen, mit den Arbeitgebern, die Arbeiten auf diese Weise fremdvergeben,  Mindestbedingungen für externe Crowdworker auszuhandeln. Bei internem Crowdsourcing haben die Betriebsräte weitreichende Mitbestimmungsrechte, die sie wahrnehmen müssen.

Was glaubst Du, wie stehen die Chancen, dass sich die Position der Crowdworker gegenüber den Auftraggebern verbessern wird?


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AutorIn / Quelle
Thomas Klebe
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Stand
03.11.2016


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texte-fuer-unsere-Tiere

In der Ecke, wo mein Mann und ich arbeiten, wird das in meinen Augen nicht besser, sondern nur noch schwieriger werden. Wir schreiben in erster Linie suchmaschinenoptimierte Texte für das Internet, zuweilen auch andere Texte nach sogenannten Briefings. Man bewirbt sich mit einem Probetext und wird danach eingestuft, kann sich dann mit Glück ein wenig hocharbeiten. Die Wortpreise liegen zwischen 0,7 und 4 Cent für open orders, können bei manchen Projekten oder wenn man feste Kunden findet, die einen grundsätzlich allein anfordern, auch etwas höher liegen. Ich persönlich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass es sehr selten vorkommt, egal in welchem Bereich, einen wirklich hohen Wortpreis zu bekommen, schon gar nicht dauerhaft. Es kommt auch darauf an, was für derartige Wortpreise verlangt wird. Hier haben mein Mann und ich in zwei verschiedenen Texterportalen die Erfahrung gemacht, dass der bessere Wortpreis nicht zwangsläufig auch bedeute muss, dann man mehr verdient. Dort, wo augenscheinlich mehr bezahlt wurde, man auch schneller sein ja sehr weniges Geld bekam, verschlechterten sich die Aufträge mit der Zeit zunehmend. Oft haben wir zuletzt nur noch sehr kurze Produktbeschreibungen bearbeitet, also pro Auftrag oft weniger als einen Euro bis unter zwei Euro erhalten. Dafür musste man dennoch oft viel recherchieren, sich lange durch die Homepage der Auftraggeber wühlen. Besonders ärgerlich war dort, dass jeder Kunde einen öffentlich sichtbar für andere Kunden bewerten konnte und auch Auftragsabbrüche in einer Statistik festgehalten wurden. Anfänglich war der Support bei unfairen Kunden oder sehr schlechten Briefings mit falschen Links und dergleichen, die ins Leere liefen, recht nett. Später änderte sich das. Man bekam schon unfreundliche Antworten nur auf die Frage, einen Textabbruch als geduldet laufen zu lassen, wenn bei näherer Betrachtung unter dem angegebenen Link zum Produkt, das zu beschreiben war, gar nichts zu finden war und nichtmal beim Suchen im Internet irgendeine Möglichkeit bestand, den Auftrag bearbeiten können. Ich bemerkte, dass die Kunden selbst die Texte ändern konnten, aber trotzdem die von sich selbst geänderten Texte oft zum Ändern durch uns zurück gaben. Das war sehr ärgerlich. Ich hatte das Problem, eine Seite nur sehen zu können, wenn ich mich dort über Facebook einlogge, dann aber mit einem Ja zustimmen sollte, dass diese Firma ab da in meinem Namen ihre Werbung verschicken dürfte. Als ich den Auftrag abbrach, bekam ich auch da keine Duldung. Zuletzt war ich so genervt, dass ich das alles wütend in meinem privaten Blog erzählt habe. Es ging zuletzt um einen Auftrag im Wert von 1,20 Euro, wo ein Link dabei war, unter dem ich Angaben zu einem hochtechnischen Produkt finden sollte. Ich fand das Produkt nicht, habe die ganze Homepage durchgelesen, im Internet gesucht und den Auftrag schließlich nach 1,5 Stunden Suche abgebrochen. Als ich fragte, ob der Abbruch geduldet würde, bekam ich zur Antwort, das hätte ich ja bei Auftragsannahme vorher prüfen müssen, ich hätte ja schließlich 10 Minuten Zeit dazu. Ich könne ja nicht erst 2 Stunden vor Auftragsabgabe anfangen zu arbeiten, sondern sei dem Kunden und dem Portal schuldig, mich schon am Tag vorher (dieser Auftrag hatte 24 Stunden Zeit, um abgegeben zu werden, man kann in dem Portal 5 Aufträge auf einmal annehmen) darum kümmern müssen. Ich bin dann sehr böse geworden. Der Chef des Portals hat deshalb nicht nur mich, sondern auch meinen Ehemann, der mit dem Auftrag und dem Streit gar nichts zu tun hatte und ja seinen eigenen Account, sofort fristlos entlassen. Einen Anspruch auf eine Mindestanzahl an Aufträgen, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, irgendeine soziale Absicherung gibt es für Texter in vergleichbaren Portalen nirgends. Wir haben schon Phasen erlebt, da sieht man Aufträge und schwupp sind alle sofort wieder weg. Wir sind soweit ich weiß wechselnd bei einigen Portalen dieser Art ca. 60.000 Kollegen, die mal hier, mal dort schauen, ob Arbeit da ist. Besonders die Texter in den niedrigeren Stufen haben es dann besonders schwer. In der höchsten Stufe wiederum ist noch nie viel zu tun gewesen, das sieht man, wenn man regelmäßig dabei ist. Dennoch macht bei dieser Arbeit auch der Ton die Musik. Wir arbeiten jetzt wieder nur noch für das erste Portal, wo wir mal angefangen haben. Wenn man sich sehr anstrengt, kann man in der Stufe 4 .. fast oben ... in meinen Augen bei einem Einsatz von ca. 4 - 5 Stunden täglich an 7 Tagen die Woche auf gut 100 Euro kommen, manchmal aber auch nicht. Wenn nichts zu tun ist, habe ich auch schon erlebt, dass man nur sucht, aber weniger als 100 Euro im Monat verdient. Das ist besonders ausgeprägt in den Semesterferien, wenn auch die Studenten aktiv sind. Ich vermute, dass wir viele ältere Leute mit einem hohen Bildungsabschluss und sehr guten Deutschnoten sowie guten Fremdsprachenkenntnissen und einer sehr guten Allgemeinbildung sind, oft mit ganz speziellen Zusatzinteressen. Schön ist, dass man bei dieser Arbeit nicht verblödet. Schön ist auch, dass Freibeträge beim Jobcenter auch welche sind, weil der Computer sowieso da ist und man kein Auto braucht oder viel Geld für Fahrkarten ausgeben muss. Negativ ist, dass das Jobcenter keinerlei Verständnis für diese Form von Arbeit hat und es als Nebenjob abtut, obwohl es für mich eine Tätigkeit ist, die ich ca. Vollzeit ausübe. Ich bin alt und schwer herzkrank, darf laut Amtsarzt nur noch 3 Stunden täglich arbeiten. So zu Hause geht das länger, weil ich da ab und zu Pausen machen und meine Arbeitszeit über den Tag und die ganze Woche verteilen kann .. da sammelt man immer wieder neue Kraft. Ich weiß von einigen wenigen Einzelkunden, die wir hatten, dass die oft lange brauchen um zu bezahlen oder gar nicht bezahlen, oft viel zu viel auf einmal verlangen, was man gar nicht zu zweit schaffen kann .. oft nach Monaten immer wieder kommen, man soll den Text nochmal raus suchen, lange Telefonate mitten in der Nacht und sonstwas dazu gehören .. oder eilige Sachen sogar zu Weihnachten angefordert werden. Da sind die Portale sicherer, bei denen man zwar wenig verdient, das Geld auch schnell und zuverlässig bekommt. Die Behandlung war in beiden Portalen nicht gleich. In dem einen war sie bisher immer nett, im anderen zuerst nett, später gar nicht mehr und ich habe mich dort vor allen Dingen menschlich ausgebeutet gefühlt, weniger finanziell, weil ich weiß, die Kunden der Portale werden die auch heftigst im Preis drücken. Vor allen Dingen das zweite Portal habe ich als eher kundenorientiert empfunden und könnte mir vorstellen, dass es die Idee des ersten, dass so viele Autoren sichere Arbeitsbedingungen bei zwar wenig Geld, aber immerhin das sicher haben, zunichte machen wird, indem es diesem Konkurrenz macht. Es gibt inzwischen auch noch mehr Portale, die das versuchen. Bei zwei davon habe ich mich mal registriert, aber nie Arbeit auch nur gesehen, es also verworfen. Generell sind es in meinen Augen normale Büroarbeiten aus dem Bereich der Werbung, die wir erledigen .. und zwar extrem günstig. Das Portal, für das ich arbeite, halte ich dabei für weit weniger schlimm. Das hat sich einfach entwickelt, weil es vorher Texterbörsen gab, wo sich die einzelnen Kollegen untereinander so viel Konkurrenz gemacht haben, dass keiner mehr was verdient hat .. den wir haben nunmal das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Viele Blogger, die Texte bestellen, werden auch gar nicht mehr ausgeben können, da sie so schon zusetzen werden .. ich blogge ja selbst. Große Onlineshops wiederum nutzen das Angebot an billigen Textern sicherlich für sich aus .. sie können es ja. Wie Sie sehen, die Sitzuation ist überhaupt nicht einfach .. zumal wir nicht alle in Deutschland wohnen und ein deutsch sprechender Texter in einem afrikanischen Land mit dem gleichen Lohn super leben kann .. bei uns ist es aber nicht mehr als ein Nebenverdienst. Vielleicht hilft meine Erfahrung ja weiter. Sie haben die großen Texterportale hier noch gar nicht dabei. Ich war erstaunt, was es sonst noch so an Crowdworkern gibt.

Nostromo

Schlechte Arbeitsbedingungen- sagen wir z.B. einmal unfaire Gehälter- gehören zumindest bei manchen US- Konzernen zum freudig vorgetragenen Credo des Topmanagement. Wer das nicht glaubt, dem sei der heutige SPIEGEL (online 21.7.15) empfohlen (Emanzipatorische Überschrift "Google-Mitarbeiter merken, wie unfair ihre Gehälter sind"): Da heißt es: "Google macht kein Geheimnis daraus, dass in der Firma gleiche Arbeit nicht unbedingt gleiches Gehalt bedeutet. und: "In seinem Buch "Work Rules!" bekennt Googles Personalchef Laszlo Bock freimütig, dass Google "unfair zahlt". Ein Einsteiger könne mehr verdienen als ein jahrelanger Mitarbeiter, schreibt Bock. Die Unterschiede bei Bonuszahlungen beziffert er auf 300 bis 500 Prozent. Das sei aber nur fair, denn: Laut Bock sind fünf Prozent der Mitarbeiter vier Mal so produktiv wie alle anderen. Und um diese Top-Talente halten zu können, müsse man sie eben überdurchschnittlich bezahlen.Wer bei Google als Top-Talent gilt und wer nicht, ist allerdings offenbar nicht allen Mitarbeitern klar..." Lesenswert auch folgendes "Bei Google tragen Mitarbeiter offenbar ihr Gehalt in eine interne Tabelle ein und verbreiten den Link weiter - zum Ärger der Vorgesetzten. ..Angst um ihren Job hatte sie trotzdem nicht: Laut US-Gesetz dürfen Firmen ihre Mitarbeiter nicht daran hindern, sich untereinander über ihre Gehälter auszutauschen." Andere Länder, andere Bräuche !